Ein experimentierfreudiges Newton-Teleskop von Jürgen Balk

Meine visuelle Praxis war in der letzten Zeit etwas kurz gekommen, da die raren, guten astronomischen Nächte vorwiegend zum Fotografieren genutzt wurden. Es wuchs der Wunsch nach einem Teleskop, das bestmöglichst für den visuellen Einsatz gedacht war und maximalen Bedienungskomfort bieten sollte. Im Laufe mehrjähriger praktischer Erfahrung war mein Ziel einfach das, die vielen kleinen und großen Nachteile, die beim Gebrauch verschiedener Instrumente auffielen, zu überwinden – es zumindest zu versuchen.

Da ich gerne experimentiere, kam ohnehin nur ein Selbstbau in Frage. Einen 6"-Spiegel hatte ich schon einmal geschliffen und diesmal sollte ein selbst hergestellter 8"-Hauptspiegel das Herzstück des Teleskops werden. Damit war die erste Festlegung vorgenommen. Die zweite betraf das Öffnungsverhältnis. Ich wollte das Teleskop nicht zu lichtstark auslegen, um einen zu hellen Himmelshintergrund zu vermeiden . Außerdem sollte es ja auch ruhig etwas vergrößern und so kam ein Öffnungsverhältnis von f/6 zustande. Das war die zweite Festlegung und die dritte war auch ganz einfach: es sollte ein Dobson werden. Bis hierhin also eine absolute Standardkonfiguration.

Meine Prioritätenliste wurde angeführt von dem Wunsch, binokular zu beobachten. Das Bino besaß ich zwar noch nicht lange, aber ich war von den ersten Eindrücken sehr angetan und im nachhinein kann ich das nur noch bestärken - es ist wie ein Quantensprung für’s Visuelle. Mir war klar, daß dies weitere Festlegungen bedeutete: man muß den Focus recht weit nach außen bringen, benötigt hierzu einen großen Fangspiegel und handelt sich damit auch eine recht große Obstruktion ein.

Auf der anderen Seite ist man natürlich bestrebt, die Obstruktion zu minimieren. Ich war ganz angetan von einer Anregung aus „Sky and Telescope“. Hier liegt der kleine Sek.-Spiegel kurz vor dem Focus und lenkt diesen gar nicht ganz aus dem Tubus heraus, sondern er wird aus dem Tubusinnern durch Relay-Linsen (ein Achromaten-Paar) im Verhältnis 1:1 nach außen projiziert. Es hörte sich ganz interessant an und ich wollte es ausprobieren.

Diese recht unterschiedlichen Prinzipien bestimmten das weitere Design (da ich beides realisieren nicht mehrere Teleskope bauen wollte): so entgegengesetzte Focuslagen konnte ich nur durch austauschbare Fangspiegel und einen flachen Schlitten mit großem Verstellweg realisieren - zwischen den Extremen lag dann noch ein evt. monokularer "Betrieb" sowie der Einsatz einer KB-Kamera, um auch mal einen Mond- oder Planeten-Schnappschuss zu ermöglichen.

Das waren die optischen Merkmale, um die es im wesentlichen ging und ich begann mit der Materialbeschaffung und der Arbeit, wohl wissend, daß es viele Detailprobleme geben würde. Vor allen Dingen bei den austauschbaren Fangspiegeln. Zuerst stand jedoch Spiegelschleifen auf dem Plan - eine faszinierende Technik und eine Geschichte für sich (Ich brauchte ein halbes Jahr und Geduld, letztendlich jedoch wurde die Fläche fertig und zum Verspiegeln geschickt (bei l/14 PV und einer schmalen abgesunkenen Kante, die ich später abgedeckt habe; f=1249 mm ; f/D=6,28)

Für die folgende Arbeit war meine Werkstatt ganz durchschnittlich ausgerüstet: die Möglichkeiten gehen nicht über sägen, bohren, schleifen und feilen hinaus.

So gut wie alles an dem Teleskop ist selbstgefertigt, aber eigentlich nicht aus Kostengründen, obwohl auch die beachtet wurden, sondern deswegen, weil ich mich bei vorgefertigten Dingen nach deren Vorgabe hätte richten müssen. Und ich wollte es ja eigentlich für mich "passend" haben. So sind ein 9X60- Sucher mit 1 1/4" - Zenitprisma, ein sehr flacher Okularschlitten mit 2"- Fassung und 24 cm (!) Verstellweg , Spiegelzelle, Fangspiegel-halterung(en) und Relay-Linsen entstanden. Dazu kamen eine Spiegellüftung, Tubusblenden, Höhenräder, Füßchen zum Hinstellen des Tubus, ein Laufgewicht, eine beleuchtete Sternkarten-Halterung an der Rockerbox, Tragegriffe, ein Sonnenfilter und last not least ein selbstgebauter Justierlaser.

Während der Wochen des Schleifens kümmerte ich mich nach und nach um die benötigten Einzelteile (darunter auch mehrere Fangspiegel in der benötigten Größe) und dachte darüber nach, wie ein Wechseln der Fangspiegel möglichst einfach durchgeführt werden könnte. Dies war vielleicht generell ein zu großes Problem oder es überforderte meine technischen Möglichkeiten. Andererseits hatte ich immer vor Augen, daß in der Fototechnik ja das schnelle, problemlose Wechseln von Objektiven z. B. ja Routine ist.

Ich musste da sicherlich einfache Lösungen finden. Auf der Rückseite der Fangspiegel wurden Zwischenstücke unterschiedlicher Länge aus einem Holzrundstab angebracht, die die verschiedenen Dicken der Fangspiegel ausgleichen und die, jeweils in die justierte Fangspiegel-Halterung eingeschoben und gesichert, eine einheitliche Position der ausgetauschten Spiegel gewährleisten.

Grafik Lichtweg

So sollte eine lästige und umständliche Neujustierung nach einem Spiegelwechsel nicht immer neu erforderlich, zur Befestigung reicht prinzipiell das Anziehen einer Schraube. In der Praxis muss allerdings meist etwas nachjustiert werden. Das ist mit einem Justierlaser jedoch gut machbar, da die Stellung des Hauptspiegels eigentlich unverändert bleiben kann.

Ich muss aber auch sagen, dass diese Lösung nur ein Anfang ist und auch andere, technisch verfeinerte Varianten denkbar sind, immerhin funktioniert der Austausch ohne grundsätzliche Probleme. Die wechselbaren Fangspiegel sind der schwierigste Teil des Gesamtkonzepts und daher sind hier eventuelle Nachbesserungen verständlich und folgerichtig.

Trotz weitgehender Planung mussten im letztendlichen Zusammenbau noch viele Detail- Lösungen entwickelt werden. Hier bietet jedoch die Selbstbau-Szene viele nützliche und qualitativ gute Anregungen, so dass im weiteren Verlauf eigentlich keine ernsthaften Probleme mehr auftauchten.

Die wichtigsten Ziel-Parameter konnten alle erreicht werden und sich in den ersten Praxis-Tests bestätigen:

• die verschiedenen Brennpunktlagen sind alle vollständig nutzbar,

• also der Einsatz des Binos mit Okularpaaren, die momentan 27-, 70- und 125- fache Vergrösserung erlauben (Fangspiegel -? = 50 mm / Obstr. = 25%),

• "Zwischenlagen" für monokulare visuelle Beobachtung und KB-Kamera-Einsatz (Fangspiegel -? = 40 mm / Obstr. = 20%),

• ebenso auch die minimalste Obstruktion mit Relay-Linsen (Fangspiegel -? = 25mm oder sogar wahlweise 20 mm /Obstr. =12,5% oder 10%), wobei diese Konfiguration eine genaue und schwierige Zentrierung aller optischen Komponenten erfordert. Ob die minimierte Obstruktion eine visuell deutlich bessere Bilddefinition bringt, kann ich letztendlich erst beurteilen, wenn auch letzte Fehler durch eine ungenaue Justage beseitigt sind. Der Focus wird durch das Achromatenpaar (Brennweite ca. 60mm, es handelt sich hier um Objektive aus einem 6x30- Feldstecher) sogar so weit nach außen projiziert, sodass - erstaunlicherweise - auch hier am besten das Bino eingesetzt wird.

• die angestrebte optimierte Bedienung beim Aufsuchen in der Reihenfolge Sternkarte/Telrad/ Sucher/ Bino ist wegen der günstigen Anordnung für den Betrachter die reine Freude.

• die generelle und mechanisch etwas aufwendigere Dimensionierung macht aus dem Teleskop nicht gerade ein Leichtgewicht, es ist aber noch gut zu transportieren. Der unkomplizierte Gebrauch besteht tatsächlich in "Hinstellen und Beobachten", ob es mal eben im Garten ist oder nach längerer Anfahrt an einen wirklich dunklen Standort.

Nun folgt die genauere Prüfung im praktischen Gebrauch. Es geht ja nicht um einen astro-optischen Purismus, eine Entscheidung, welche der optischen Varianten die "Beste" ist, für die man sich letztendlich entscheidet und die anderen dann verwirft, sondern die Varianten bieten Raum zum Ausprobieren, zum bewussten Beobachten und zum Ausloten der Möglichkeiten eines Newton-Teleskops. Was sich in der Praxis bewährt, muss sich herausstellen.

Der Blick durch ein Teleskop in die Tiefe des Nachthimmels ist etwas Besonderes und stellt eine subjektive Komponente in der Astronomie dar, die in der objektivierten Wissenschaft heute nicht mehr unbedingt an erster Stelle steht. Aber er hat einst die Astronomie als Wissenschaft verändert und unser heutiges Weltbild begründet. Der Blick in das Weltall hat wissenschaftlich-technische und historische, aber gleichzeitig auch ästhetische und ethische Aspekte.



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